Dienstag, 22. Dezember 2015

In Pilsen wurden die Heydrich-Attentäter versteckt

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.


Nach einem nächtlichen Absprung am 29. Juni 1941 fanden im Haus der Familie des Inspektors Václav Král die Feldwebel Jozef Gabčík und Jan Kubiš, Mitglieder der Fallschirmjägertruppe Anthropoid, einen langfristigen Unterschlupf. Sie sollten ein Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, verüben. Wegen ihrer Unterstützung der Attentäter wurde Familie Král ermordet.

Tereza Mašková, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Das Haus in der Pilsner Straße Pod Záhorskem
Foto: Tereza Mašková
Das Haus in der Straße Pod Záhorskem Nr. 22/1 wirkt auf den ersten Blick uninteressant. Das einfache Gebäude mit bröckelnder Fassade wurde jedoch vor über siebzig Jahren stummer Zeuge des tragischen Schicksals ehrenhafter Menschen. Es spielte eine wichtige Rolle in der Pilsener Widerstandsgeschichte gegen den Nazi-Fanatismus. Daran erinnert eine Gedenktafel, die viele Leute nicht einmal bemerken, wenn sie durch die Straße gehen. Nachdem das Haus mehrmals den Eigentümer gewechselt und zahlreiche Umbauten erfahren hatte, zog im Jahr 1923 Václav Král, Bezirksinspektor der Zivilwache, ein. Hier wohnte er zusammen mit seiner Frau Pavla, die aus einer tschechisch-deutschen Familie stammte, und bald darauf wurde ihre Tochter Helenka geboren.

Helena Králová besuchte das Städtische Mädchenrealgymnasium des Dr. František Lukavský, wo sie nicht unbedingt mit ihren Leistungen glänzte. Ihre Klassenkameradinnen beschrieben sie aber als liebes und kameradschaftliches Mädchen, das dazu noch ausgesprochen hübsch war. Ihre Einstellung hinsichtlich Okkupation und Unrecht wurde in bedeutendem Maß dadurch geformt, dass sie in der Klasse ständig kleine, aber beharrliche Widerstandsaktivitäten gegen das so verhasste NS-Okkupationsregime mitbekam. Einer der Gründe für die Verfolgung durch die Gestapo war beispielsweise die Tatsache, dass eine der Schülerinnen mit der tschechoslowakischen Trikolore geschmückte Blumen an der Statue des ersten tschechoslowakischen Präsidenten T. G. Masaryk niedergelegt hatte.

Helenkas beste Freundin wurde Olga Jiříkovičová. Helenka und Olga waren wie Schwestern und trafen sich oft. Wenn es eine von ihnen nicht zu einer Verabredung schaffte, ging ihr die andere entgegen. Die beiden Mädchen befreundeten sich noch mit der etwas jüngeren Jarka Bíbová, deren Mutter Marie in der Wohnung von Familie Král aushalf. Die Familie Bíba entschied sich schließlich, in die leerstehende Wohnung im ersten Stock einzuziehen, direkt unter die von Familie Král. Beide Familien führten bis 1941 ein ziemlich friedliches Leben, bis Ende Dezember zwei fremde Männer an der Türschwelle auftauchten.

Jan Kubiš, Jozef Gabčík (Fotos: Wikipedia)
Es waren die Feldwebel Jozef Gabčík und Jan Kubiš, Mitglieder der Fallschirmjägertruppe Anthropoid, die im Protektorat Böhmen und Mähren abgesetzt wurden, um ein Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich durchzuführen. Sie hatten sich Václav Král, der ihnen zuerst eher misstrauisch begegnete, mit dem Deckausdruck „Adina grüßt Pilsen – der 8. März ist gut“ vorgestellt. Wer konnte aber wissen, ob es sich nicht um eine Provokation der Gestapo handelte. Václav Král vertraute den beiden Ankömmlingen schließlich und ließ sie hinein. In diesem Moment begann die interessante und tragische Geschichte des Hauses. Die Fallschirmjäger berichteten Herrn Král davon, dass sie kurz zuvor in Großbritannien vom im Exil lebenden Präsidenten Edvard Beneš empfangen worden seien. Václav Králs Wohnung gehöre zu einer von drei Anlaufadressen, die die Fallschirmjäger vor dem Absprung bekommen hatten. Gabčík und Kubiš hofften, dass sie hier Zuflucht finden konnten, nachdem sich Gabčík beim Absprung das Bein verletzt hatte und Ruhe für die Heilung brauchte.

Václav Král besorgte den Fallschirmjägern neue gefälschte Protektoratspapiere. Für die Beschaffung war er ein idealer Vermittler, da er zu dieser Zeit als Inspektor der Geheimpolizei arbeitete. Mit der neuen gefälschten Identität machten sich Kubiš und Gabčík bald nach Prag auf, um ihre Mission zu erfüllen. Králs Wohnung wurde für einige Zeit nicht in das ganze geplante Geschehen eingebunden, allerdings kehrten die Fallschirmjäger irgendwann für einige Zeit wieder hierher zurück. Obwohl die Familie Král versuchte, ihre Anwesenheit zu vertuschen, entgingen die beiden Männer nicht der Aufmerksamkeit von Helenkas Freundinnen Jarka und Olga, die die Familie oft besuchten.

Am 27. Mai 1942 wurde in Prag das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich durchgeführt. Ein Mitglied der anderen Fallschirmjägertruppe „Out Distance“, der Feldwebel Karel Čurda, zeigte später aus Angst vor Repressionen seine Freunde, die sich nach dem Attentat in der Krypta der orthodoxen Kirche Kyrill und Method in der Resslova-Straße versteckt hielten, bei der Gestapo an. Kubiš, Gabčík und ihre Mitkämpfer wurden daraufhin von den Nazis entdeckt und fielen einer nach dem anderen heldenhaft beim Kampf in der Kirche.

Gedenktafeln am Haus in der Straße Pod Záhorskem
Foto: Tereza Mašková


Es begann die sogenannte Heydrich-Ära, eine Zeit der Grausamkeit, der Verhöre, der Hinrichtungen und der Rache des NS-Regimes. Über Králs Haus begannen sich dunkle Wolken zusammenzuziehen. Am 17. Juni 1942, einen Tag, nachdem Čurda seine Freunde angezeigt hatte, wurde das Haus bereits von der Gestapo umzingelt und die Verhaftungen hatten begonnen. Als Václav Král lange nicht von der Arbeit zurückkam, fuhr seine Frau los, um nach ihm Ausschau zu halten. Jarka Bíbová war in demselben Moment auf dem Weg zum Chor, und so machten sie sich gemeinsam auf. Als Jarka am späten Nachmittag nach Hause zurückkehren wollte, zog sie eine Bekannte aus dem gegenüberliegenden Haus in ihre Wohnung. Das Mädchen konnte so nur mit Tränen in den Augen durch das Fenster beobachten, wie die Polizisten mehrere Menschen aus ihrem Haus abführten, darunter die Eheleute Král mit ihrer Tochter.

Auch Helenkas Freundin Olga kann sich an dieses Moment nur zu gut erinnern. An diesem Tag wartete sie auf Helenka, die aber nicht auftauchte, und so ging Olga ihr entgegen. Am Eingang des Hauses in der Straße Pod Záhorskem wurde sie aber von drei Männern angehalten, zwei in Uniform und einer in Zivil. Sie nahmen sie mit hinein und unterzogen sie einem rohen Verhör. Sie fragten nach den Fremden, die sie bei den Králs gesehen hatte, aber Olga bestritt alles. Schließlich nahmen sie ihr alle Ausweise ab und erteilten ihr den Befehl, sich jeden Tag bei der Gestapo zu melden. Später ließ man von ihr ab. Helena und ihre Eltern hatten nicht so viel Glück.

Alle drei Familienmitglieder wurden in die Prager Gestapo-Zentrale im Petschek-Palais überführt. Hier hatte die Gestapo bereits die konservierten Köpfe der Fallschirmjäger vorbereitet, damit diese von den Gefangenen identifiziert werden konnten. Anschließend kam die Familie in die Kleine Festung Theresienstadt, später in das Konzentrationslager Mauthausen. Hier wurden die Gefangenen am 24. Oktober 1942 im Zwei-Minuten-Takt in einen Kellerraum geschickt, unter dem Vorwand der Ermittlung ihrer Körpergrößen. Einer nach dem anderen wurden sie hinterhältig durch Nackenschüsse umgebracht. Helenka Králová, die auf diese Weise vor neun Uhr morgens starb, war erst siebzehn Jahre alt. Ihre Mutter Pavla folgte ihr um zehn Uhr. Die Männer kamen erst nach ein Uhr am Nachmittag an die Reihe. Václav Král wurde kurz vor Fünf von den Nazis ermordet.

Enthüllung der Gedenktafel für Václav Král 
Foto: www.tommy-yankee.cz


Auch nach dem Tod der Familie Král ging die Kriegsgeschichte des Hauses weiter. Am 25. April 1945 wurde das Dach durch den Granatsplitter einer Brandbombe stark beschädigt. Sie hinterließ auf dem Dachboden nur verkohlte Balken. Danach schwieg das Haus lange Zeit über sein dramatisches Schicksal. Erst 1997 wurde an der Hauswand eine Gedenktafel zu Ehren der Familie Král enthüllt und so ihres standhaften Opfers gedacht. Der Enthüllung der Gedenktafel wohnte auch die britische Baroness Margaret Susan Ryder bei. Sie hatte sich hinsichtlich des Kriegsgeschehens in Großbritannien sehr engagiert und brachte unter anderem die tschechoslowakischen Fallschirmspringer, die hier tätig waren, zum Flugplatz. Hier begegnete sie auch Gabčík und Kubiš vor ihrem Abflug nach Pilsen.

Während der Heydrich-Ära wurden viele Menschen hingerichtet, die den Fallschirmjägern Unterschlupf gewährt oder sie anderweitig unterstützt hatten. Als Vergeltung für den Tod von Reichsprotektor Reinhard Heydrich wurden auch die Gemeinden Lidice und Ležáky vernichtet. Direkt nach dem Ende des Krieges erinnerte man in Pilsen mit zahlreichen Gedenktafeln an den Tod dieser Helden. Das Haus in der Straße Pod Záhorskem musste auf seine Gedenktafel sehr lange warten.

Übersetzung: Kristina Veitová
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Freitag, 18. Dezember 2015

Neue Glocken für die Pilsener Kathedrale

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Nach langer Zeit hat Pilsen im Turm der St. Bartholomäus-Kathedrale sein Symbol zurück – die Pilsener Glocken. Sie wurden vom Pilsener Bischof František Radkovský geweiht und läuten immer dann, wenn man in Pilsen in Frieden und Zufriedenheit lebt.
 

Von Markéta Kolářová, Masaryk Gymnasium Pilsen

Die im Ersten Weltkrieg eingeschmolzenen Glocken wurden 1931 erneut gegossen und im Turm angebracht – allerdings nur für kurze Zeit, bis sie im Zweiten Weltkrieg das gleiche Schicksal ereilte.
Schon im Jahre 1446 konnten die Pilsener die Glocke Bartholomäus im Turm läuten hören. Mitte des 16. Jahrhunderts erklangen im Turm insgesamt fünf Glocken. 1835 stürzten die Glocken bei einem Brand in die Tiefe und wurden noch im selbem Jahr erneuert – durch Anna, Prokop, Johannes Nepomuk und Maria dazu. Für die Glocke Anna hatten die Bürgerinnen zusammengelegt, weshalb sie folgende Aufschrift trug: »Die gläubigen Bürgerinnen haben mich gießen lassen.« Die Glocke Prokop wurde zur Erinnerung an den Grafen Prokop Hartmann benannt, denn er hatte die Kirche während des Feuers vor einem noch größeren Schaden bewahrt. Die Glocke Prokop diente als Sterbeglocke. Die Glocke Johann wurde mit den Mitteln einer von Johann Buml veranstalteten Sammlung gegossen, deshalb erhielt sie seinen Namen. Mit dieser Glocke wurde mittags und abends geläutet. Für die vierte Glocke legten die Pilsener Kaplane zusammen. Die Hauptglocke Bartholomäus wurde erst im Jahre 1838 geliefert. Sie hatte angeblich keinen schönen Klang und so fing man an, sich um ihre Entfernung aus dem Glockenturm zu bemühen. Insbesondere der Erzdechant Anton Hlavan hatte ein Interesse an ihrer Entfernung, denn er sagte, der Ton der Glocke sei zu dumpf und obendrein auch noch höher als der der Glocke Maria. 1852 entschied die landesfürstliche Kanzlei, die Glocke umgießen zu lassen. Zwei Jahre später bekam der Turm einen neuen Bartholomäus – genannt »Bárta«. Die Glocke war damals die zweitgrößte in Böhmen.

Während des Ersten Weltkriegs wurden Bartholomäus, Anna und Maria eingeschmolzen und für die Kanonen- und Munitionsherstellung verwendet. 1931 wurden die Glocken erneut gegossen und im Turm angebracht, allerdings nicht für lange.Während des Zweiten Weltkriegs ereilte die Glocken ein ähnliches Schicksal. Die einzige Glocke, die den Zweiten Weltkrieg überlebte, war die Glocke Prokop, die im Jahre 1835 gegossen worden war. Nach der langen Zeit des kommunistischen Regimes, das religiöse Zeremonien und ihre Symbole ablehnte, bekam die Glocke Anna erst 1994 wieder ihren Platz im Turm.

Am 17. Januar 2015, als das Projekt »Pilsen – Kulturhauptstadt Europas 2015« eröffnet wurde, ertönten im Turm eine ganze Gruppe neuer Glocken, gegossen von Petr Rudolf Manoušek aus der niederländischen Werkstatt Royal Eijsbouts. Vier neue Glocken wurden geweiht – Bartholomäus, Prokop, Maria und Hroznata. Die größte Glocke Bartholomäus ist über zwei Meter hoch und wiegt samt Aufhängevorrichtung und Klöppel über fünf Tonnen. Insgesamt wiegen die Glocken über dreizehn Tonnen. Die Herstellung der Glocken wurde durch öffentliche Sammlungen und Spenden finanziert. Die Namen derjenigen, die sich ein Glockenguss-Zertifikat im Wert von mindestens 10.000 Kronen gekauft hatten, wurden in die neuen Glocken eingraviert, als Erinnerung an ihre Großzügigkeit.

Eine ganze Gruppe neuer Glocken wurden im Januar 2015 geweiht und im Turm aufgehängt.

Über die Pilsener Glocken erzählte man sich viele Geschichten. Zum Beispiel, dass das Läuten der Glocken während der Geburt eines Kindes dessen Zukunft vorhersage. Wenn alle Glocken auf dem Turm gleichzeitig läuteten, bedeute dies, das das Kind ein berühmter Mann werde. Wenn ein Mädchen geboren werde, werde es eines Tages einen berühmten oder adeligen Mann heiraten. Das Läuten der Totenglocke kündige an, dass ein Kind früh versterbe. Komme ein Kind beim Läuten der Abendglocke auf die Welt, werde es entweder eine Nonne oder ein Priester werden. Wurde ein Kind beim Läuten der Mittagsglocke geboren, sagte man ihm voraus, dass es ein Würdenträger in der Gemeinde, ein Beamter oder ein bedeutender Händler werden würde. Der beim morgendlichen Läuten Geborene werde einmal in die weite Welt gehen.

Eine weitere Legende handelte von einem unglücklichen Glöckner. Im Glockenturm der erzbischöflichen Kirche hing eine große Glocke, die jeder Pilsener kannte, da sie bei jedem dritten Schlag so klang, als hätte sie voller Schmerzen gestöhnt. Die älteren Pilsener erzählten von einem Glöckner, der für das Anfertigen von Glocken mit einem wunderschönen Klang berühmt gewesen war. Einmal fertigte er eine große Glocke an und musste nur noch den Ofen anstecken, aus dem dann die glühende Legierung direkt in die vorbereitete Form gegossen werden sollte. Das war angeblich der entscheidende Moment bei der Herstellung einer Glocke und niemand durfte in diesem Moment bei dem Glöckner anwesend sein. Dieser Glöckner hatte aber einen Lehrling, der wissen wollte, was da vor sich ging, wenn er nicht dabei sein sollte. Er vermutete, dass sich sein Herr mit irgendeinem Geist verbinde. Er versteckte sich also hinter den alten Gerätschaften des Glöckners, um zu sehen, was sich beim Anstecken des Ofens abspielte. Er sah, dass sein Meister vor dem Anstecken betete und sich bekreuzigte. Dann steckte er den Ofen an und die Flüssigkeit fing an, in die Form zu fließen. Der Lehrling bewegte sich aus Versehen und machte dabei ein Geräusch, dass den Glöckner aufstörte. Dieser ging mit einer glühendheißen Eisenstange zu der Ecke, aus der das Geräusch gekommen war und stach hinein. Der Lehrling schrie auf und starb. Der Glöckner erschrak und warf den Körper des Jungen in den Ofen, wo der Tote dann verbrannte. Die Glocke goss er noch fertig und nicht nur diese, sondern auch alle weiteren Glocken, die er seitdem goss, erinnerten mit ihren Klang an Schläge gegen einen Holzkübel. Der Glöckner war so verzweifelt, dass er sich eines Tages erhängte.
 
Es bleibt zu hoffen, dass man mit den neu gegossenen Pilsener Glocken nur noch neue und positive Geschichten in Verbindung bringt. Und dass die Glocken weder einer Kriegszestörung noch einer anderen Katastrophe zum Opfer fallen werden, so wie es in der Vergangenheit schon mehrmals passiert ist. Lasst uns für die Stadt Pilsen wünschen, dass die Glocken nur noch für Glück, Freiheit, Schönheit und Zufriedenheit läuten.

Übersetzung: Kristina Veitová und Tanja Krombach
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Dienstag, 15. Dezember 2015

Der jüdische Junge Hanuš Josef Treichlinger aus Pilsen in der Rolle der berühmten Theresienstadt-Oper »Brundibár«

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Brundibár ist eine Kinderoper in zwei Akten, geschrieben vom Komponisten Hans Krása und vom Librettisten Adolf Hoffmeister. Ihren größten Erfolg hatte sie während des Zweiten Weltkriegs im Ghetto Theresienstadt. Aufgrund ihrer Popularität wurde Brundibár von der NS-Propaganda missbraucht. Bis heute feiert das Stück Erfolge auf der ganzen Welt und beeindruckt Zuhörer aller Altersgruppen. In einem Propagandafilm der Nazis, der das »sorglose« Leben der Juden im Ghetto Theresienstadt darstellte, spielte auch ein jüdischer Junge aus Pilsen eine der Hauptrollen der Oper.

Von Markéta Kolářová, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Propagandafotografie des Kinderchors aus dem Film Theresienstadt (Hanuš Josef Treichlinger mit der Drehorgel)
Foto: ©
Jüdisches Museum in Prag
Im Jahr 2014 hatten wir Gelegenheit, eine Sondervorstellung der Kinderoper Brundibár im Großen Theater in Pilsen zu sehen. Im Rahmen eines internationalen Partnerschaftsprojektes hatten Kinderchöre aus Pilsen und Regensburg die Oper einstudiert und ernteten mit ihr einen großen Erfolg.

Diese Oper ist allerdings eng mit einer traurigen Periode in unserer Geschichte verbunden. Der jüdische Komponist Hans Krása (1899–1944) und der Schriftsteller Adolf Hoffmeister (1902–1973) haben die Oper Brundibár im Jahr 1938 geschrieben. In Prag wurde ihre Vorstellung 1941 nur zweimal und das auch nur heimlich gegeben, denn der jüdischen Bevölkerung war zu dieser Zeit schon jegliche kulturelle Aktivität untersagt. Adolf Hoffmeister emigrierte, Hans Krása wurde im August 1942 nach Theresienstadt deportiert, und viele seiner Mitarbeiter und Kinderschauspieler folgten ihm bald. Im Ghetto Theresienstadt arbeitete Krása das Stück für ein kleineres Orchester um.

Der Musiker Rudolf Freundfeld, der sich nach dem Krieg in Franěk umbenannte, brachte Klavierauszüge der Komposition ins Ghetto und übernahm die Leitung der Proben. Diese fanden auf dem Dachboden der sogenannten Dresdner Kaserne statt. Aufgrund der Abtransporte aus Theresienstadt wurden die Proben ständig unterbrochen. Die Darsteller, die im Rahmen der „Endlösung“ in die Konzentrationslager im Osten gebracht wurden, mussten durch Kinder aus neu eingetroffenen Transporten ersetzt werden. Nach mehr als zwei Monaten Probenzeit fand die Premiere am 23. September 1943 in der Magdeburger Kaserne statt. Die Oper Brundibár war ein großer Erfolg und bis zum Herbst 1944, als die letzten Transporte Theresienstadt verließen, fanden 55 Vorstellungen statt, durchschnittlich einmal in der Woche.

Die Handlung der Kinderoper ist folgende: Die Geschwister Aninka und Pepíček haben eine kranke Mutter. Damit sie wieder gesund wird, müssen die Kinder für sie Milch besorgen. Da sie jedoch arm sind, können die Kinder keine Milch kaufen. Der Milchmann will ihnen keine Milch ohne Bezahlung eingießen. Die Kinder sind gerade dabei zu überlegen, wie sie sich das Geld beschaffen können, als auf dem Dorfplatz der Drehorgelspieler Brundibár erscheint. Als er zu spielen anfängt, werfen ihm die Menschen plötzlich Geld in seine Mütze. Die Geschwister glauben daher logischerweise, dass, wenn sie anfangen zu singen, sie genauso wie der Drehorgelspieler Geld verdienen können. Das Ergebnis ist aber katastrophal. Aninka und Pepíček werden nicht nur von einem Polizisten vertrieben, sondern bringen auch noch den Orgelspieler gegen sich auf. Verzweifelt schlafen sie auf der Straße ein. In der Nacht kriegen sie Besuch von einem Hund, einer Katze und einem Spatz, die beschließen, den Kindern zu helfen. Am nächsten Morgen trommeln sie alle Kinder aus der Nachbarschaft zusammen und gemeinsam schaffen sie es, mit ihrem Lied Geld für die Milch für die Mama zu bekommen. In dem Moment schleicht sich jedoch der böse Brundibár an sie heran und stiehlt den Kindern das Geld. Eine große Jagd geht los und schließlich überwältigen die Tiere zusammen mit den Kindern Brundibár und verjagen ihn.
Hanuš Josef Treichlinger spielt auf der Drehorgel in der Oper Brundibár
Foto: © Jüdisches Museum in Prag
In der Rolle des Drehorgelspielers Brundibár wirkte damals ein Pilsener Kind mit, der Junge Hanuš Josef Treichlinger, genannt Honza. Er wurde am 2. Januar 1929 in Pilsen geboren. Mit sechs Jahren wurde er Vollwaise und fand bei seinem Pilsener Onkel Beno Bloch, dessen Frau Ida eine geborene Treichlinger war, eine neue Familie. Hier wuchs er mit seinen Cousins Jiří und Rudolf auf. Im Januar 1942 wurde die ganze Familie zum Abtransport in das Ghetto Theresienstadt befohlen. Hier wurde der kleine Honza in den Jahren 1943–44 mit der Rolle des Drehorgelspielers Brundibár berühmt. Rudolf Franěk erinnert sich: »Er hatte es gelernt, mit dem Schnurrbart, der unter seiner Nase klebte, zu ›wedeln‹. Er wedelte damit so bravourös und genau im richtigen Moment, dass sich die Spannung, die im Zuschauerraum gerade entstanden war, löste, und man konnte oft ein erleichtertes Kinderseufzen hören.« Hanuš wurde in Theresienstadt so populär, dass eine jüdische Familie sogar überlegte, ihn nach dem Krieg zu adoptieren. Das Ende des Krieges haben jedoch weder die Familie noch Hanuš Josef Treichlinger erlebt.

Als Fünfzehnjähriger wurde er am 16.10.1944 einem Transport nach Auschwitz zugeteilt. Dort wurde er mit den anderen unmittelbar nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. Ein ähnliches Schicksal ereilte viele weitere Juden, von den 2 613 deportierten Juden aus den Regionen Pilsen, Přeštice, Blovice und Umgebung haben nur 209 das Kriegsende erlebt.

Das Märchen vom Sieg der Kinder und der Tiere über den bösen Drehorgelspieler wurde als musikalisches Symbol für den Holocaust berühmt. Die Kinderoper wurde zugleich von der deutschen NS-Propaganda missbraucht. Sie wurde als Bild des idyllischen, mit Vergnügungen und Spielen erfüllten Lebens der im Konzentrationslager internierten Kinder dargestellt. Es gelang sogar, auch die Inspektionsbesucher der Kommission des Internationalen Roten Kreuzes zu betrügen. Die Kindervorstellung wurde auch in dem Propagandafilm Theresienstadt– ebenfalls bekannt unter dem Titel Der Führer schenkt den Juden eine Stadt – festgehalten. Mit ihm wurde das wahre Gesicht des Ghetto- und Konzentrationslagergeschehens verschleiert. Dadurch wurde diese Oper weltberühmt. Das Opernfinale wurde zu einer Art Theresienstädter Hymne. Die Akteure und das Publikum waren sich bei jeder Aufführung sehr bewusst, was die gesungenen Texte in Verbindung mit dem märchenhaften Sieg unschuldiger Kinder gegen den bösen Brundibár bedeuten.

Gedenktafel in der Palacký-Straße
Foto: © Markéta Kolářová
Die Pilsener jüdische Gemeinde ließ am Haus in der Palacký-Straße, wo der Brundibár-Darsteller Hanuš Josef Treichlinger gelebt hatte, eine Gedenktafel anbringen. Sie erinnert an den Jungen, der zusammen mit den anderen Kindern im Ghetto sang:
»Brundibár ist besiegt, eilt davon.
Wirbelt die Trommeln, wir haben den Krieg gewonnen!!
Wer das Recht liebt

und ihm treu bleibt
und nichts fürchtet,
ist unser Freund
und darf mit uns spielen!«
Übersetzung: Kristina Veitová und Tanja Krombach
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Freitag, 11. Dezember 2015

Das Freiheitsfest – ein Zeichen für künftige Generationen, dass nicht die Rote Armee Pilsen befreite

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa. 

»Also damals, fünfundvierzig, als Patton Pilsen befreite, mit Panzern und Kanonen und Jeeps mit weißen Sternen und die Mädels aus den Škoda-Werken wie bunte Flügel tanzten und die lokalen Schönheiten im Chor sangen: Škoda lásky‹*.« Dieser Refrain stammt aus einem in Pilsen jedem bekannten Song des Liedermachers Jan Vyčítal, der populär wurde und niemanden darüber im Unklaren ließ, dass Pilsen von der US-Armee befreit worden war, auch wenn diese Tatsache in den Zeiten des Kalten Krieges nicht immer in den Schulen gelehrt wurde.

Tereza Brožová, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Historisches Foto vom Mai 1945
 archiv Patton Memorial Pilsen
 »Hier spricht Pilsen, das freie Pilsen spricht! Es lebe die Freiheit, es leben unsere Verbündeten. Ich verkünde allen Bewohnern der Tschechoslowakischen Republik, dass sich auf dem Platz der Republik in Pilsen die Panzer der 16. Division befinden. Ich sah mit meinen eigenen Augen die Panzer von Westen her anrollen. Ich hörte das Dröhnen der Panzermotoren. Ich reichte einem amerikanischen Offizier die Hand. Ich habe eine amerikanische Unterhaltung gehört. Nach sechs Jahren der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft sind wir frei. Amerikanische Panzer sind auf dem Platz der Republik. Hier spricht Pilsen, das freie Pilsen spricht.«
So ertönten am 6. Mai 1945 im Äther die Worte von Karl Šindler, dem späteren Direktor von Radio Pilsen. Einen Tag zuvor hatte er zusammen mit anderen Teilnehmern am bewaffneten Aufstand gegen die deutschen Besatzer den Rundfunk besetzt, um den Menschen Flugberichte durchzusagen.


Es lebe die Tschechoslowakei! Es ist der 6. Mai 1945, Viertel vor neun in der Früh, Pilsen erwacht nach dem Aufstand am Vortag und begrüßt begeistert die anrollenden Panzer der Befreier auf dem Platz der Republik. Die amerikanischen Einheiten bringen den Bewohnern Pilsens zusammen mit der ersehnten Freiheit auch Kostproben des Lebens auf der anderen Seite des Atlantiks. Die Kinder bekommen aus den Händen der Helden ihre ersten Kaugummis und Schokoladen, die Erwachsenen genießen die duftenden Züge amerikanischer Zigaretten.
Historisches Foto vom Mai 1945
Archiv Patton Memorial Pilsen

Nicht weit von Pilsen endet der lange Weg der amerikanischen Soldaten, den sie am 6. Juni 1944 mit der Landung an den Stränden der Normandie begonnen haben. General George S. Patton hatte geplant weiterzuziehen, um die Hauptstadt Prag, die zum Zeitpunkt des auch dort stattfindenden Aufstands flehentlich um Hilfe bat, zu befreien. Allerdings stand Patton eine auf der Konferenz von Jalta ausgehandelte Demarkationslinie im Weg, die das tschechoslowakische Territorium zwischen westlichen und östlichen Befreiern aufteilte. Die amerikanischen Soldaten verließen Pilsen am 20. November 1945. Mit ihnen gingen auch viele Pilsener Frauen. Nach 1948, während der Zeit des Kalten Krieges, fing man allerdings an, die Geschichtsschreibung zu verfälschen.

Es begann eine Ära der Charakterbrüche und der Gehirnwäsche. Den Zeitzeugen jedoch bleiben trotz des beinahe fünfundvierzigjährigen Verschweigens der Wahrheit die Amerikaner für immer als Befreier im Gedächtnis. Man darf nur nach 1948 nicht laut darüber sprechen. In den Schulklausuren bekommen nur diejenigen Einsen, die die Tests, oft unwissentlich, falsch ausgefüllt haben. Laut Lehrbuch war die Rote Armee der einzige Befreier der Tschechoslowakei und das hat auch die Lehrerin gesagt, weil es irgendein Parteisekretariat befohlen hatte. Die amerikanischen Imperialisten sind böse und schicken zu uns Flugzeuge mit Kartoffelkäfern, um unsere Ernte zu zerstören, damit wir Hunger leiden. Die Eltern schweigen, sie wollen sich oft ihr auch so schon schwieriges Leben nicht noch komplizierter machen. Auch die Lehrerin schweigt, sie möchte ihre Arbeit nicht verlieren. Mit Humor kommentiert diese Situation eine Strophe aus Vyčítals Lied:
»Vor ein paar Jahren flog ein Kumpel aus seinem Betrieb, sie hatten ihn auf’m Kieker gehabt, weil er Blumen ans Denkmal gelegt hatte**, aber er sagte sich, die sollen mir doch den Buckel runterrutschen. Dass es ihm schnuppe sei und es nicht weh tue, aber nur bis zu dem Augenblick, als sein Mädchen aus der Schule kam und meinte, nur die Rote Armee habe uns befreit. Er ging ins Lehrerzimmer und neben den Schriften von Marx stehend sagte er zu der Paukerin, dass sie von ihm eine glatte Sechs in Geschichte kriege, und falls sie es wünsche, würde er ihr das Sofa zeigen, auf dem diese Burschen damals in Badehose von Coca-Cola und heißen Würstchen träumten, ich singe darüber einen Song und es ist ein Thema für einen Roman.«
Historisches Foto vom Mai 1945
 archiv Patton Memorial Pilsen

Eine Veränderung kam erst nach der Samtenen Revolution 1989. Seit 1990 wird Pilsen jährlich zum Ort, an dem sich unter Mitwirkung von US-amerikanischen Kriegsveteranen und ihren Familien, der Bürger der Stadt und weiteren Gästen gemeinsam der Ereignisse vom Mai 1945 erinnert wird. Nicht fehlen dürfen auf dem traditionellen Freiheitsfest Gespräche mit Veteranen, der Konvoi historischer Fahrzeuge, genannt Convoy of Liberty, Projekte von militärgeschichtlichen Klubs oder Gedenkakte an den Denkmälern des Zweiten Weltkriegs. Die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten im Mai laufen das ganze Jahr über. Die Organisatoren verabreden das genaue Veranstaltungsprogramm, sammeln Geld für das Sponsoring, und die Mitglieder der militärgeschichtlichen Vereine entscheiden in ihren Sitzungen über die Lösung aktueller Probleme.

»In den Klub der Militärgeschichte bin ich dank eines Bekannten gelangt und im Laufe der Zeit habe ich mir auf tschechischen wie internationalen Trödelmärkten eine Uniform zusammengesucht«, schildert Jan Foud, ein Teilnehmer des Freiheitsfests, und beschreibt seine Erlebnisse bei den Vorbereitungen: »Mit einem etwa viermonatigen Vorlauf werden die Kulissen hergestellt, vier Tage vor der offiziellen Eröffnung bauen wir dann stilgerechte Kamps auf, was meistens eine Herausforderung ist.«



Convoy of Liberty
Foto © A. Kolář

Das diesjährige Freiheitsfest wurde gleich von einem doppelten Hauch von Einzigartigkeit umweht. Am achten Mai feierten wir den 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und Pilsen genoss zugleich seinen Titel als Kulturhauptstadt Europas. Das Freiheitsfest wurde in das Kulturhauptstadtprogramm eingebettet. »Das Jubiläum der Befreiung Pilsens findet vom 1. bis 6. Mai 2015 statt und bietet ein reichhaltiges Programm aus traditionellen Veranstaltungen und Neuheiten. Wie jedes Jahr haben die Besucher die Möglichkeit der Teilnahme an Gesprächen mit Veteranen, der Besichtigung historischer Camps in Proluka, in den anliegenden Křižíkovy sady (Křižík-Park), in den Räumlichkeiten des OC Plaza und, neu in diesem Jahr, auch im Borský park, wo am Nachmittag des 1. Mai die nachgestellten Szenen der Ankunft der US-amerikanischen Armee in Pilsen und des Aufbaus des amerikanischen Lagers aufgeführt werden. Am Abend findet die feierliche Enthüllung des Denkmals für General Patton statt. Anschließend folgt der erste Auftritt der Band Lynyrd Skynyrd in der Tschechischen Republik«, so lockte Jan Foud die Besucher. An den darauffolgenden Festtagen gab es unter anderem auch eine Show zur Erinnerung an die Befreiung Pilsens, den Convoy of Liberty, ein Konzert der Pilsner Jazz Band und ein Fußballspiel zwischen einer Altherrenauswahl des FC Viktoria Pilsen und Mitgliedern der militärhistorischen Klubs in US-amerikanischen Uniformen. Das Spiel sollte an den 24. Mai 1945 erinnern, als die Pilsener Fußballmannschaft gegen die Elf der amerikanischen Armee antrat. »Viktorka« gewann damals 11:1 auf einem auf die Schnelle vorbereiteten Platz in der Luční-Straße, vor den Augen von elftausend Zuschauern, die auf einer halbzerstörten Tribüne standen.

Convoy of Liberty
Foto © A. Kolář
Pilsen war wieder voll der Erinnerungen, über die auch Jan Vyčítal in seinem Lied singt. Seine Zeilen sind weder verboten noch zensiert, sie sind ein Spiegel unserer Geschichte:
 »Ich hab in Pilsen schon ein paar Jahre einen Kumpel, ich bin immer froh, den Pilsner Dialekt zu hören, und wenn ich dorthin trampe, lass ich von mir hören. Er sagt mir, tu mal den Rucksack dorthin, auf diese Couch setz dich nicht, da darf schon über fünfundvierzig Jahre niemand mehr sitzen! Nicht mal ich sitze darauf, wenn ich Feierabend hab, da saßen im Mai amerikanische Soldaten und hier, da wo deine Füße sind, da schoben sie ihre Helme hin. Papa fischte ´ne Flasche Schnaps raus, lud ’ne Truppe Jazzer aus ihrem Versteck zu uns in die Wohnung ein, und es wurde viel Chattanooga*** gesungen … damals, fünfundvierzig, als Patton Pilsen befreite …«
Übersetzung: Kristina Veitová und Tanja Krombach


*»Schade um die Liebe«, in Deutschland auch bekannt unter dem Titel Rosamunde, basiert auf einer böhmischen Polkamelodie, wurde im Zweiten Weltkrieg zum Soldatenlied sowohl bei den Deutschen als auch bei den Amerikanern

**gemeint ist der Grundstein eines vor der kommunistischen Machtergreifung 1948 geplanten Denkmals für die US-Armee

***Chattanooga Choo Choo ist ein amerikanisches Swingstück, berühmt geworden durch Glenn Miller

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